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    Herle, Anita/ Philp, Jude (eds): Recording Kastom. Alfred Haddon’s Journals from the Torres Strait and New Guinea, 1888 and 1898.

    Sydney 2020: Sydney University Press, 360 S., XXIV S., paperback, AU$ 60.00 (€ 49.00), ISBN 978-1743326480

    Genre: Wissenschaft

    Es ist ein opulentes und es ist ein schon lange erwartetes Buch. Endlich, darf man sagen, sind die persönlichen Aufzeichnungen des britischen Ethnologen Alfred Cort Haddon vollständig veröffentlicht worden. Die Herausgeberinnen sind ausgewiesene Expertinnen für die Materie: Anita Herle hat bereits 1998 ein Buch zu Haddon mit dem Titel „Cambridge and the Torres Strait; Centenary Essays on the 1898 Anthropological Expedition“ herausgegeben (zus. mit Sandra Rouse), und Jude Philp ist Senior-Curator des Macleay Museum an der University of Sydney. Beide, Herle und Philp, hatten bereits 1998 in Cambridge eine Ausstellung anlässlich des 100jährigen Jubiläums von Alfred Haddon gemeinsam kuratiert und dazu auch einen Katalog veröffentlicht. 

    Alfred Haddon, ursprünglich ein Zoologe, war im Jahr 1888 erstmals in die Region der Torres-Strait, die sich zwischen Australien und der Insel Neuguinea befindet, gelangt, um dort die Korallenriffe zu erforschen. Dabei gelangte er in Kontakt mit der dortigen indigenen Bevölkerung der weit verstreuten Inseln und war von deren kultureller Tradition und ihren mündlichen Überlieferungen beeindruckt. Dies mag den Ausschlag dafür gegeben haben, dass sich Haddon nach seiner Rückkehr nach England erneut dem Studium widmete und 1897 das Studium der Anthropologie mit einem Doktorat in Cambridge abschloss. Er wurde schließlich ausgewählt, die Cambridge Anthropological Expedition to the Torres Strait in den Jahren 1898 bis 1899 zu leiten. Es handelte sich dabei um eine ethnographische Expedition zu den Bewohnern der Inseln in der Torresstraße. Die Ergebnisse dieser Expedition, die er zusammen mit verschiedenen Fachleuten der Universität Cambridge durchgeführt hatte (darunter W.H.R. Rivers und Charles G. Seligman), veröffentlichte er später u.a. in dem Werk „The Decorative Art of British New Guinea: A Study in Papuan Ethnography“ (1894) sowie in „Head-Hunters. Black, White, and Brown“ (1901). Der Fokus von Haddons Forschungen lag bei der Expedition u.a. auf der Erfassung der materiellen Kultur und des indigenen Kunstschaffens als Ausgangspunkt für deren soziale und rituelle Bedeutung in Alltag und Kult. Haddon, der in Cambridge eine eigene Schule der Anthropologie begründete und ein wesentlicher Vertreter der britischen Social Anthropology war, argumentierte u.a. dass im Konservatismus sogenannter „primitiver“ Künstler und deren Ablehnung größerer Abweichungen von traditionellen Formen, sich Veränderungen nur durch stufenweise Neuerungen herbeiführen ließen. Die Herkunft spezieller Formen wurde von Haddon durch die Rückverfolgung von verschiedenen, leicht variierenden Objekten in einer zeitlichen Linie untersucht.

    Haddons veröffentlichte Berichte über diese Expedition hatten großen Einfluss auf die im Entstehen begriffene Disziplin der Ethnologie/Anthropologie, doch seine privaten Tagebücher und Skizzen wurden bislang nur in Teilen veröffentlicht. In den Tagebüchern sind Haddons Beobachtungen und Beziehungen in lebendigem Detail festgehalten und verdeutlichen sein Interesse an der Dokumentation und die zentrale Rolle, welche die Inselbewohner, die mit ihm zusammenarbeiteten, spielten. Diese Zusammenarbeit führte zu einer enormen Menge an Material über die Torres-Strait-Insulaner und deren Bräuche, Normen, Kulte, Magie und Wertvorstellungen im Sinne von kastom, aber auch handwerkliche Fähigkeiten und Zeugnisse der materiellen Kultur.

    Die hier nun veröffentlichten Tagebücher Haddons sind in acht Abschnitte gegliedert und umfassen sowohl seine erste Reise 1888 als auch die große Expedition der Jahre 1898-1899. Während die erste Reise auf die Torres-Strait-Inseln fokussierte, führte die zweite Reise Haddon auch in den Golf von Papua, zur Mündung des Fly Rivers, nach Port Moresby und ins Hinterland dieser Küstengebiete. Neben den Details zu den besuchten Ethnien beschrieb Haddon auch seine mitreisenden Kollegen und vermerkte seine eigenen Einschätzungen, Bedenken, Ängste und Schlussfolgerungen in der Ich-Person. Interessant sind seine Ausführungen zur Arbeit der Missionare und den Missionsstationen, ebenso seine anschaulichen Beschreibungen zu Tänzen und rituellen Praktiken der jeweiligen Ethnie.

    Die Herausgeberinnen haben sehr behutsam und mit großer Sympathie für Haddon und dessen Leistungen, diese umfassend dokumentiert. Diese durch eine detaillierte kontextualisierende Einleitung und ein Nachwort kommentierte Ausgabe versammelt insgesamt 290 Fotografien, Skizzen, Zeichnungen, Abbildungen von Artefakten, Film- und Tonaufnahmen sowie eine Karte, zum Teil in Farbe. Fußnoten erläutern angesprochene Begriffe, Personen und Orte; eine umfangreiche Bibliographie sowie ein Index ergänzen den Band. Als Marginalie ist durchgehend die Originalpaginierung der Tagebücher angegeben und auch eingefügte Erinnerungsstücke (z.B. ausgeschnittene und eingeklebte Zeitungsausschnitte) an den jeweiligen Positionen vermerkt.

    Es ist ein Erlebnis, dieses Buch zu lesen; man kann es willkürlich irgendwo aufschlagen und zu lesen beginnen und taucht sofort in eine Welt ein, die heute weitgehend verschwunden ist, uns aber durch Haddons Ausführungen sehr plastisch und anschaulich vermittelt wird. Dieses Buch bietet auch interessante und intime Einblicke in die Kolonialgeschichte der Region und stellt damit eine wichtige Quelle nicht nur für Kultur- und SozialanthropologInnen und HistorikerInnen dar. Das Buch ist absolut empfehlenswert.

    Hermann Mückler